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Unterlüß – das Tor zur Südheide.

Man kommt an. Am Bahnhof;  mit dem Auto; mit dem Fahrrad oder gar zu Fuß.

Unterlüß. Hingestreut an zwei langen Straßen. Gar kein Heidedorf und weite Heideflächen finden sich hier nicht.

Unterlüß taucht mit seinem Namen in keiner Chronik des Mittelalters auf; es gibt hier keine Bauernhöfe und keine ehrwürdigen Fachwerkhäuser, deren Fundamente eine vielhundertjährige  Geschichte verkünden könnten.

Unterlüßer Einwohner entstammen keinen uralten Landgeschlechtern und böse Zungen sagen, Menschen, die aus Unterlüß sind, wären – vorsichtig ausgedrückt -  anders als die anderen hier in der Heide.

 

Gut zu wissen. Also nichts wie weg, wenn man hier „strandet“?

Wer erwartet, hier epochale Sehenswürdigkeiten vorzufinden, durchschreitet das oben genannte Tor und begibt sich fort, um den Rest des Naturparks Südheide zu erleben. Nicht weit von hier liegen dessen bekannte touristischen Highlights in der  Landschaft: weite Heideflächen um Hermannsburg oder Müden und die alten Höfe mit ihren sagenumwobenen Geschichten.


 

In Unterlüß ist „tote Hose“ und offenbar will auch niemand hier wirklich etwas daran ändern.

Wozu auch?

Es ist noch nicht lange her und die Menschen in Unterlüß erzählten sich eine  haarsträubende Geschichte. Man hatte hier Spuren eines Tieres gesehen, welches in der Gegend schon längst als ausgestorben galt: der Wolf. Das war 2006.

 

Sicher, es handelte sich um ein Einzelexemplar und tatsächlich hat ihn niemand leibhaftig gesehen, soweit ich weiß – lediglich zwei Förster fanden Spuren – aber deren Beobachtungen sind durchaus ernst zu nehmen.

Wie aber kann es sein, daß ausgerechnet hier, wo es keine Schafherden gibt und keine Bauernhöfe mit Hühnern und anderen Tieren, Isegrim seine Runden zieht?

 

Unterlüß liegt wenn man so will, mitten im Nirgendwo. Hermann Löns sagte uns: „Lass deine Augen offen sein – geschlossen Deinen Mund und wand’re still; dann werden Dir geheime Dinge kund.“

Wer also hier innehält; mit offenen Augen und Ohren, und sich von dem überall herrschenden Klischee blühender Erika und aufragender Wacholder verabschiedet, der findet sicherlich keine Wolfspuren im Heidesand, dafür aber die schönsten und abgeschiedesten Winkel der Gegend hier. Nicht einmal zwei Minuten sind es vom Bahnhof zu Fuß , bis man mit etwas Glück Rotwild am Wegrand stehen sieht – oder Wildschweine. Man muss dazu nur vom Bahnsteig aus nach links durch den Fußgängertunnel
wandern, anstatt nach rechts in den Ort.

 

Von keinem Punkt in Unterlüß aus ist man länger als fünf Minuten unterwegs und man ist schon tief im Wald, dessen Stille so gut tut. Und da der Ort ringsum von Wald umgeben ist, hat man ihn fast immer ganz „für sich allein“.

 

 

 

Nun ist das hier nicht irgendein Wald und nicht monotoner Stangenwald, obwohl es den hier auch gibt.

 

Der Lüßwald – gelegen auf einer eiszeitlichen Endmoräne, die im übrigen auch die Wasserscheide zwischen der Weser und der Elbe markiert -  ist in weiten Teilen ein Mischwald und erstreckt sich ohne nennenswerte Unterbrechung von hier so weit, daß man tagelang in ihm herumwandern kann, ohne sich zu wiederholen bei der Wahl einsamer Wege.

 

Leicht trifft man da seine Bewohner, die weniger scheu zu sein scheinen, als anderswo: Das Rotwild; die schon erwähnten Wildschweine; Fuchs und Hase sowieso; ich selber habe  hier schon das eine oder andere Mal einen Luchs gesehen oder einen Seeadler und unweit von hier gibt es jedes Frühjahr Kraniche, denen man bei der Balz und bei der Brut  zusehen kann.


 

Das bietet kein anderer Ort hier in der Gegend.

Morgens, wenn der Nebel noch zwischen den Bäumen gefangen ist und die ersten Sonnenstrahlen sich gegen ihn behaupten, erinnert diese Szenerie an ehrwürdige Schlösser und Tempel, in denen man solche Lichtspiele auch sehen kann.

Oder: An einem Sommermorgen. Es wird ein warmer Tag werden. Und mitten auf einem Weg durch den Lüßwald steht eine alte, ehrwürdige Eiche, umgeben von Buchen. Der Himmel ist schon stahlblau und keine Wolke zu sehen. Und plötzlich beginnt es zu regnen, dicke schwere Tropfen prasseln herunter – zwei oder drei Minuten dauert das, dann ist es vorbei und wieder still; nur das Rauschen des Waldes summt ein Lied.

Die aufsteigende Sonne hat eine leichte Thermik ausgelöst und die Eiche ein wenig geschüttelt und dadurch den Tau von ihrem Blätterdach.

 

Im Lüßwald hat man ein paar Hektar Wald sich selber überlassen – und schon länger gibt es den Urwald. Das hat Tradition. Durch seine besondere geologische Struktur hat der Lüßwald landwirtschaftlich kaum einen Wert und wurde als Rückzugsgebiet für das Wild mehr oder weniger sich selbst überlassen. Nur zwei Strassen durchqueren ihn. Sie führen von Weyhausen nach Hermannsburg und nach Müden und man kann annehmen, daß sie sich hier in Unterlüß gabelten.

 

Den Ort selber gab es zu der Zeit aber noch lange nicht. Zunächst einmal wurden in der Gegend ein paar Förstereien angesiedelt  und erst mit dem Bau der Bahn – das war 1846, wenn ich mich richtig erinnere J – entstand hier am Haltepunkt eine Siedlung, die allerdings erst 1910 den Namen Unterlüß erhielt und davor zu Siedenholz gehörte.  Mit der Anlage des Schiessplatzes und der Munitionsfabrik begann für Unterlüß das Industriezeitalter und die Zuwanderung von Menschen, die sich hier – mitten im Nirgendwo – niederließen. Später kam noch die eine oder andere Industrie hinzu: das Kieselgurwerk und die Strickmaschinenfabrik waren mit die größten Arbeitgeber hier in der Region. Heute sind diese verschwunden und es ist  wieder still geworden in Unterlüß und nur ab und an erinnert ein lauter Knall, der bis weit in den Lüßwald zu hören ist, daran, daß der Tod in Bagdad oder anderswo, wo Kriege geführt werden, auch aus Unterlüß kommt. Man kann zu diesem Thema unterschiedliche Philosophien haben – hier für die Menschen bedeutet die Fabrik in erster Linie den Broterwerb und hier ist es eine Fabrik wie jede andere auch.

 

An einem warmen Sommertag oder im Winter bei Schneetreiben in den schützenden Lüßwald einzutauchen, ist immer ein besonderes Erlebnis. Nirgends sonst zeigt sich der Naturpark Südheide in einer solch breit angelegten Schönheit. Leichten Fußes erreicht der Wanderer auch die großen Heideflächen bei Oberohe – in etwas mehr als einer Stunde ist man durch abwechslungsreiche Wälder dort angelangt und begegnet wenigen Menschen, wohl aber dem einen oder anderem Wild. Gestern Nachmittag – an einem Tag Ende Juli 2007 – erst war ich dort. Ich sah fünf Radfahrer, vier Spaziergänger aus Frankreich, zwei Reiter und am Kieselgurteich bei Oberohe selber eine badende Familie und einem ausgewachsenen Hirsch, der aus dem Gebüsch sprengte, über den Weg sprang und im vollen Galopp ohne einen Laut im Dickicht verschwand. Es ist Hochsaison und woanders in der Heide wimmelt es von Menschen. Nur selten begegnet man hier welchen, denn der Lüßwald ist gross und es gibt Platz für alle, ohne dass man sie ständig treffen oder bemerken würde.

 

Urlaub in Unterlüß also – ein Geheimtipp für Kenner?

 

Bereits im frühen 20ten Jahrhundert wollte man in Unterlüß in den schon länger aufkeimenden Tourismus in der Heide einsteigen – immerhin hatte Unterlüß gegenüber den Mitkonkurrenten einen entscheidenden strukturellen Vorteil: es liegt unmittelbar an der Bahnstrecke Hamburg – Hannover oder, wenn man so will, an der Vogelfluglinie, die bahntechnisch Nord – und Südeuropa verbindet. So verfügte Unterlüß damals über eine schnelle Verbindung zum Rest der Welt, während man die anderen Heideorte zwar auch per Bahn erreichen konnte, was jedoch mit erheblicheren Umständen, Umsteigen und Aufenthalten unterwegs verbunden war. Heute ist Unterlüß der einzige Heideort, der über einen solchen Anschluss an die Metropolen der Welt verfügt J.

 

Dem aufkommenden Massentourismus sollten diverse Hotels und auch eine Wochendhaus-Kolonie gerecht werden. Leider hatte die Geschichte und die Menschen, die dieselbe seinerzeit gestalteten, auch andere Pläne und so zogen statt erholungssuchenden Großstädtern Arbeiter für die Rüstungsindustrie und Soldaten hierher und bald schon war es mit der Ruhe  in der Welt gänzlich vorbei.

 

Heute noch ist es so, daß der Ort touristisch eher ein Waisenkind ist; was den Autor persönlich zwar nicht stört – wirtschaftlich gesehen jedoch bedauerlich ist.

 

Wer in Hannover oder Hamburg arbeitet, für den ist Unterlüß ein interessanter Wohnort – das Bauland ist günstig, die Mieten für Wohnungen ebenso und mit der Bahn ist man in etwas mehr als einer Stunde in der einen oder anderen Stadt. Hier hat man seine Ruhe, kann sich wunderbar entspannen und seinen Ambitionen nachgehen – wer dafür das Unterhaltungsangebot einer Großstadt benötigt, sollte sich einen solchen Ortswechsel jedoch wohl überlegen.

 

Mit dem Auto kommt man in etwa derselben Zeit auch an seine Ziele in den genannten Städten – allerdings gibt es hier in der Nähe (noch) keine Autobahn und bis an die entsprechenden Autobahnen hat man einige Kilometer durch die endlos wirkenden Wälder und kleine Ortschaften zu fahren – das ist eine schöne Strecke, so oder so. Man kann auf den gut ausgebauten Straßen schnell fahren – auch schneller, als erlaubt – sollte man aber besser nicht. Tagsüber treiben moderne Wegelagerer hier ihr Unwesen – soll heißen, die Polizei oder die Landkreise überwachen die Geschwindigkeit – und besonders in der Dämmerung wechselt das eine oder andere kapitale Stück Wild über die Straße. Zur Zeit markieren in Niedersachsen grellrote Holzbaken die Stellen, an denen Wildunfälle passierten – es sind viele! Weder mit wechseldem Wild noch mit kontrollierenden Staatsdienern ist gut Kirschen essen – und wer ist schon gerne ohne Führerschein oder ohne Auto oder gar im Krankenhaus?

 

Urlaub in Unterlüß also – ein Geheimtipp für Kenner?

 

Ruhe, Naturnähe und Abgeschiedenheit findet man an vielen Orten in der Heide, in Unterlüß sicher mehr als anderswo – allerdings sucht man die Abwechslungen „landestypischer“ Art vergebens. Hier wird keine Heidekönigin gekürt, kein Schnuckenfest mit Bockauktion gefeiert – es gibt keine verkaufsoffenen Sonntage oder abendliche Märkte und kein Mittelalterfest, nichts – gar nichts. Das Schützenfest, welches traditionell am letzten Wochenende im Juli eines jeden Jahres gefeiert wird, ist mehr ein Ereignis für Einheimische und ansonsten erscheint der Ort manchmal eher wie eine Geisterstadt im Wilden Westen als wie ein Urlaubsort, der dem modernen, freizeitorientierten Menschen einiges zu bieten hätte. Menschen, die genau dies mögen, sind hier zu jeder Jahreszeit herzlich willkommen.

 

Wer dann hier ist und die oben angeführten Dinge trotzdem wahrnehmen mag: sie finden „in der Nachbarschaft“ statt und sind von Unterlüß leicht zu Fuß, mit dem Rad, zu Pferde oder – wenn’s sein muß – mit dem Auto zu erreichen.

 

Und andersherum – bei schlechtem Wetter ( oder: wenn „Kultur“ auf dem Urlaubsprogramm steht) kann man in kleinen Gruppen (oder auch allein) sehr bequem und vor allem günstig mit dem „Niedersachsenticket“ von hier mit der Bahn nach Hannover, Hamburg oder Bremen reisen – ein toller Tagesausflug, der für wenig Geld vieles bietet. Dieses Bahnticket enthält zumindest in Hamburg auch die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel – also U- und S-Bahn, der Linienbusses des Hamburger Verkehrsvereins und der Hafenfähren. Mein persönlicher Tipp: Fahren Sie in Hamburg mit der U-Bahn zu den Landungsbrücken, von dort mit der Hafenfähre zunächst nach Finkenwerder und dann quer über die Elbe nach Teufelsbrück und von hier mit dem Bus zurück zum Hauptbahnhof – unterbrechen Sie sooft Sie mögen oder können und schauen Sie sich um. Oder wandern Sie von den Landungsbrücken aus zum Fischmarkt in St Pauli und immer weiter entlang der Elbe zum Museumshafen Ovelgönne und von dort weiter an den Elbstrand – bei schönem Wetter machen Sie Rast an der „Strandperle“, die nur noch ein kurzes Stück entfernt ist und lassen dort an der „Hamburger Südsee das karibische Flair auf sich wirken J“ – das können Sie übrigens immer tun, auch wenn Sie nicht hier im Lüß sind, um die Welt „da draußen für eine Weile zu vergessen“.

 

In Unterlüß selber könnten Sie sich das Albert-König–Museum ansehen: Albert König war ein Maler, der im wesentlichen in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts hier wirkte und dessen Werke dort ausgestellt sind – aber auch Wanderausstellungen von Leihgaben anderer Galerien werden hier gezeigt.

 

Hin und wieder finden im Museum Konzerte und andere Veranstaltungen statt – über Ort und Zeitpunkt informiert Sie gerne der dort ansässige Verkehrsverein.

 

Außerdem wird dort umfassend über die Kieselgur-Industrie informiert und man kann Literatur zur Heimatgeschichte erwerben. Die Kieselgurfabrik vor Ort selbst  ist schon lange  stillgelegt und leider wurde in 2007 ein wesentlicher Teil von ihr abgerissen – die  Unterlüßer „Twin-Towers“, der charakteristische Doppelschornstein – man könnte sagen, dass sie das Unterlüßer Wahrzeichen gewesen sind -, gesprengt – und nur noch eine große Trümmerhalde liegt herum. Auf dem Campingplatz am Heidesee in Oberohe, unweit von Unterlüß kann man noch in einer ehemaligen Kieselgurtrockenhalle das eine oder andere Freizeitspiel veranstalten.

 

Kommen sie also nach Unterlüß – erwarten Sie nichts und lassen Sie sich überraschen. Wenn Ihnen nach ‚Seele-baumeln-lassen’ und ‚in-den-Tag-hineinträumen’ ist, werden Sie sicher nicht enttäuscht und wenn Sie aktiv an der Gestaltung Ihres Urlaubs-Alltages beteiligt sein wollen, ebenso wenig. Menschen, deren Freizeit organisiert und animiert sein muß, werden sich hier eher frustriert abwenden. Doch ist für diesen Personenkreis ein Urlaub in der Heide überhaupt ein Tipp? Ich jedenfalls wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt, einen gelungenen Urlaub, angenehme Entspannung und Erholung und stets eine „Handbreit Sand unter den Füßen“.